Positive Verstärkung beim Pferd
Was der Begriff genau bedeutet, wie er sich von Druck und Nachgeben unterscheidet und warum Zoos längst so trainieren.

Positive Verstärkung, kurz R+, ist die Grundlage meiner Arbeit. Hier erkläre ich, was der Begriff genau bedeutet, worin er sich von klassischem Training mit Druck unterscheidet und wie das im Alltag mit deinem Pferd aussieht.

Was „positiv“ und „Verstärkung“ bedeuten
Die Begriffe kommen aus der Lerntheorie. Verstärkung heißt dort: Ein Verhalten wird danach häufiger gezeigt. Positiv heißt nicht „nett“, sondern: Es kommt etwas dazu.
Positive Verstärkung bedeutet also: Dein Pferd zeigt ein Verhalten, bekommt direkt danach etwas, das es mag, und zeigt dieses Verhalten deshalb öfter. Zusammen mit ihren Gegenstücken ergeben sich vier Möglichkeiten:
- Positive Verstärkung: Etwas Angenehmes kommt dazu. Das Verhalten wird häufiger.
- Negative Verstärkung: Etwas Unangenehmes hört auf, zum Beispiel Druck. Das Verhalten wird ebenfalls häufiger.
- Positive Strafe: Etwas Unangenehmes kommt dazu. Das Verhalten wird seltener.
- Negative Strafe: Etwas Angenehmes wird weggenommen. Das Verhalten wird seltener.
Der Unterschied zu Druck und Nachgeben
Viele klassische Methoden arbeiten mit negativer Verstärkung: Es wird Druck aufgebaut, mit Zügel, Schenkel, Strick oder Körpersprache, und sobald das Pferd richtig reagiert, lässt der Druck nach. Das Pferd lernt dabei vor allem, wie es Druck loswird.
Bei positiver Verstärkung lernt es etwas anderes: dass sich ein Verhalten lohnt. Ich arbeite mit positiver Verstärkung und verzichte weitestgehend auf Druck. So bleibt das Pferd aktiv bei der Sache und verknüpft die Arbeit mit seinem Menschen positiv.

Warum Zoos so trainieren
Während meines Zoologiestudiums durfte ich im Tiergarten Schönbrunn arbeiten und beim Training zuschauen. Alle Zootiere, egal wie groß und schwer, werden dort mit positiver Verstärkung trainiert. Bei einem Elefanten hilft kein Druck, man braucht seine Bereitschaft mitzumachen, etwa für eine Untersuchung.
Genau das hat mich überzeugt, es auch mit meinen Pferden so zu machen.
Drei Missverständnisse
„Das ist doch nur Leckerli-Füttern.“
Die Belohnung ist nur ein Teil. Entscheidend sind das Timing und klare Kriterien: Belohnt wird genau das Verhalten, das du öfter sehen möchtest, und zwar in dem Moment, in dem es passiert.
„Dann bettelt mein Pferd nur noch.“
Höfliches Verhalten rund ums Futter lässt sich genauso trainieren wie alles andere. Wenn die Regeln klar sind, weiß das Pferd, wann es etwas gibt und wann nicht.
„Bei schwierigen Pferden funktioniert das nicht.“
Meine Erfahrung ist eine andere. Einige Pferde, die als zu gefährlich zu reiten galten, habe ich selbst aufgenommen und mit positiver Verstärkung neu aufgebaut.
Wie das im Training aussieht
- Kleine Schritte: Eine Aufgabe wird so zerlegt, dass dein Pferd oft richtig liegen kann.
- Genaues Timing: Die Belohnung folgt direkt auf das gewünschte Verhalten. Viele arbeiten dafür mit einem Markersignal, etwa einem Wort oder einem Clicker, das den richtigen Moment markiert.
- Stress im Blick: Ein gestresstes Pferd lernt schlecht. Deshalb gehört es dazu, Stress früh zu erkennen und dem Pferd bei der Regulation zu helfen.
- Ein klares Ziel: ein mobiles, aber trotzdem stabiles Pferd, das motiviert ist und Spaß an der Arbeit mit seinem Menschen hat.
Mehr dazu, woran du Stress erkennst, liest du im Beitrag Stress beim Pferd erkennen.


